Winter ade …

Hier in Berlin scheint der Winter schon wieder zu Ende zu gehen, nachdem er Anfang Januar nur mal kurz reingeschneit war. Wer wie ich noch mehr echtes Wintergefühl braucht, um sich auf den Frühling zu freuen, kann es ja mal mit den Tröstungen der Kunst und Wissenschaft versuchen.

Winter comparaison d'être Eisblöcke
Weiße Schallplattensplitter, Detail aus dem Mosaik Schmetterling von Willi Tomes

Winter im Wandel der Zeiten

Die Ausstellung Lichtgestöber. Der Winter im Impressionismus, 11. November 2012 – 14. April 2013 im Arp Museum Bahnhof Rolandseck, zeigte die sehr facettenreichen Darstellungen des Winters in der Malerei des Impressionismus, ergänzt durch Fotografien der spätimpressionistischen Zeit. Sie zeigen alle Arten von Schnee: schneebedeckte Dächer, eingeschneite Häuser, Schneereste am Wegesrand, verschneite Landschaften, Zweige, die sich unter Schneemassen biegen, zersplitterte Eisplatten auf Flüssen.

Ausstellungskatalog Lichtgestöber. Der Winter im Impressionismus, hrsg. von Oliver Kornhoff, kuratiert von Susanne Blöcker, Bielefeld (Kerber Verlag) 2013 © Kerber VerlagAuf den bei Kerber erschienenen Ausstellungskatalog bin ich vor ein paar Jahren gestoßen; ich glaube, als ich mich mit den Relationen zwischen Musik und Malerei beschäftigt habe, beziehungsweise mit Adornos These, dass es sich bei der Annäherung der Musik an den Impressionismus (zum Beispiel bei Debussy) um eine Pseudomorphose handle. Nachhaltig beeindruckt hat mich dann aber etwas ganz anderes: Friedrich-W. Gerstengarbe und Peter C. Werner machen in ihrem Essay Kann man Klima malen? darauf aufmerksam, dass auf den Bildern des Impressionismus Schnee in allen Variationen zu finden ist, in der holländischen Malerei des 17. Jahrhunderts jedoch nicht. Dort sieht man stattdessen häufig Eisflächen, auf denen Menschen Schlittschuh laufen. Daraus kann man ableiten, dass es im 17. Jahrhundert standardmäßig kältere Winter gab, man spricht auch von der Kleinen Eiszeit, die sich etwa ab 1300 entwickelte und bis ca. 1850 dauerte. Auf impressionistischen Bildern gibt es hingegen mehr Schnee, weil es wärmer war: Je kälter, desto weniger Niederschlag. Das war mir vorher nicht bewusst – ich kannte zwar die Schlittschuhszenen und wusste von der Kleinen Eiszeit, aber ich habe da keine Verbindung hergestellt. Inzwischen ist die Erkenntnis, dass man Klima malen kann, einer meiner oft weitergegebenen Infoklassiker.

Einen Blick in den Katalog kann man auf der Website des Kerber Verlags werfen.

„Gefror’ne Tropfen fallen von meinen Wangen ab“

Als schöne Ergänzung empfiehlt sich natürlich Schuberts Winterreise. Ich bin mit der Interpretation von Hermann Prey und Wolfgang Sawallisch aufgewachsen (Philips 1973, Schubert Winterreise Jan Kobow Christoph Hammeraufgenommen München 1971), und liebe diese Einspielung immer noch. Auch empfehlenswert sind die neueren Interpretationen von Thomas Quasthoff und Daniel Barenboim (DVD bei Deutsche Grammophon) oder von Jan Kobow und Christoph Hammer am Hammerflügel – eine historisch informierte Einspielung, an der mich besonders Kobows Schlichtheit begeistert (Atma 2014). Jonas Kaufmanns Interpretation aus dem selben Jahr (Klavier Helmut Deutsch, Sony 2014) spricht mich hingegen gar nicht an – sie ist mir im schlechtesten Sinne zu romantisch. Darüber hinaus gibt es eine Fülle weiterer Einspielungen; am besten leiht man sich in einer Bibliothek verschiedene aus und vergleicht selbst. Ausschnitte der Einspielung von Kobow und Hammer kann man auch über Spotify hören.

Wer sein Verständnis des Liederzyklus vertiefen möchte, dem sei die detaillierte Abhandlung von Arnold Feil ans Herz gelegt. Um die Analyse nachvollziehen zu können, ist musikalische Vorbildung hilfreich, aber die Arbeit enthält auch andere interessante Informationen, die nicht so voraussetzungsreich sind (Arnold Feil: Franz Schubert. Die schöne Müllerin. Die Winterreise, Reclam 1975, 2. bibliografisch ergänzte Auflage 1996).

„Nördlicher als der Nordpol je sein kann“

Wem Schuberts Winterreise in allen Interpretationen schon zu vertraut ist, dem ist vielleicht mit Alexander Kluges Episodenfilm Wer sich traut reißt die Kälte vom Pferd gedient. Kluge steigt mit Neuer Musik ins Thema Winter ein, es folgen weitere Kurzfilme mit Interviews und Fake-Interviews (Helge Schneider als Nordpol-Expediteur), Landschaftsaufnahmen, Montagen, Zeitraffer-Sequenzen, alles was man so aus der „Gattung Kluge“ (Reemtsma in der Laudatio zur Verleihung des Büchner-Preises) kennt und liebt.

Es ist sehr schwer in aller Kürze etwas zu Wer sich traut reißt die Kälte vom Pferd zu sagen, Alexander Kluge Wer sich traut, reißt die Kälte vom Pferdweil seine 31 Kurzfilme so reich sind an Bildern, Klängen, Informationen, Gedanken, Möglichkeiten und Eindrücken. Wem das zuviel wird, der kann auch einzelne Episoden auswählen – der ganze Film dauert immerhin 180 Minuten (was im Vergleich zu Kluges Nachrichten aus der ideologischen Antike aber eine verschwindend geringe Zeitspanne ist). Es lohnt sich aber auch, über die Anordnung der Episoden nachzudenken, da es ein Anliegen Kluges ist, aus Elementen der Kunst, Musik, Naturwissenschaft, Literatur, Philosophie, Geisteswissenschaft und einfachen Seheindrücken Zusammenhang herzustellen (nicht aber einen bestimmen Zusammenhang).

Kapitel 25, aus dem auch das Zitat in der Überschrift dieses Absatzes stammt, ist ein Gespräch mit Prof. Dr. Ulrike Sprenger über Hans Christian Andersens Märchen Die Schneekönigin. Sprenger regt an, dass es in dem Märchen darum gehe, die beiden Seiten der menschlichen Natur, die Vernunft und das Gefühl, die Mathematik und die Poesie nicht ausschließlich zu betreiben, sich nicht von einer Seite vereinnahmen zu lassen. Auf mich wirkte das zugleich wie ein Kommentar zu Kluges Werk, für das das Zusammenspiel dieser beiden Aspekte, Realismus und Antirealismus des Gefühls, zentral ist.

Der DVD liegt außerdem ein Heft mit 40 Texten bei, die Kluge „Geschichten“ nennt. Aber das ist wieder ein anderes spannendes Thema, zu dem ich in meiner Rezension zu Kluges Geschichten vom Kino schon einige Bemerkungen gemacht habe.

Bevor ich mich auf die Suche nach weiterer winterlicher Literatur mache (Tipps sehr erwünscht!), gebe ich erst einmal der Natur noch eine Chance und probiere, ob sich bei einem Spaziergang über das Tempelhofer Feld auch ohne Schnee und Eis ein winterliches Gefühl einstellt.

 

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