Alex Gino: George – Ein dreifach Hoch! auf Diversität

Die Spinne Charlotte findet immer die richtigen Worte. Das geht George sehr nahe, denn ihr fehlen sie oft. Deshalb will sie unbedingt die Rolle der Charlotte in der Schulaufführung der bekannten amerikanischen Kindergeschichte Wilbur und Charlotte von E.B. White spielen – um allen Zuschauern etwas zu sagen, das ihr auf dem Herzen liegt. Sie ist überzeugt, wenn sie als Charlotte auf der Bühne steht, werden alle sie als das sehen, was sie ist: ein Mädchen – trotz ihres Jungenkörpers.Alex Gino GeorgeIm ersten Drittel von Alex Ginos Roman George wurde ich ganz schön enttäuscht. Allerdings nicht vom Buch, sondern von Georges Mutter und ihrer besten Freundin Kelly. Dass es George mit Bullies wie Rick und Jeff zu tun haben würde, war klar. Viel schmerzlicher – auch für George selbst – sind aber die Reaktionen derer, die ihr nahe stehen. Sie sagen Sachen, die harmlos klingen mögen, sogar lieb gemeint sind, und dennoch völlig daneben. So tröstet zum Beispiel Georges Mutter ihr Kind:

Was immer in deinem Leben geschieht, du kannst dich mir immer anvertrauen, und ich werde dich immer lieben. Du wirst immer mein kleiner Junge sein, das wird sich nie ändern. Auch wenn Du erwachsen und ein alter Mann bist, werde ich dich immer noch als meinen Sohn lieben. [S. 56]

Junge, Mann, Sohn – Ich fand es befremdlich, dass sie in zwei Sätzen dreimal genderspezifische Bezeichnungen verwendet. Die Welt nach Jungen und Mädchen einzuteilen, ein Individuum zuerst als Jungen oder Mädchen zu sehen, anstatt einfach als Menschen, war mir stets fremd und unverständlich. In dem Moment erschien mir Alex Ginos Darstellung übertrieben zugespitzt. So redet doch niemand, dachte ich.

Jenseits der Filter-Bubble: Angst vor Diversität

Dann kam die Magdeburger Erklärung der AfD. Die Partei spricht sich gegen den Kita-Koffer aus, in dem Bücher enthalten sind, in denen es darum geht, dass es OK ist, so zu sein, wie man eben ist. Die AfD findet aber, dass es nur eine Art gibt, OK zu sein, und dass man Kindern Schaden zufügt, wenn man sie nicht davon abhält, so zu sein, wie sie sind, falls sie anders sind, als die AfD OK findet. [Einen sehr lesenswerten Artikel von Stefan Niggemeier zur AfD-Erklärung und der generellen Kommunikationsstrategie der Partei findet ihr auf dem Blog Übermedien.]

Das ist sicherlich eine Extremposition. Dennoch dämmerte mir, dass es wohl nach wie vor Eltern gibt, die sich Sorgen machen, wenn sie merken, dass ihr Kind transgender ist. Sie haben Angst, dass es ihr Kind sozial schwerer haben wird als andere, und glauben, wenn sie es dazu bringen könnten, die eigene Identität nicht zu bemerken, oder zu verdrängen, täten sie ihm etwas Gutes. Aber ein Kind leidet eher dann, wenn es nicht mal von den Eltern als das gesehen wird, was es ist. Mit sozialer Ausgrenzung kann ein Kind, dass sich von den Eltern und guten Freuden angenommen fühlt, viel besser umgehen. Und: soziale Ausgrenzung ist eine Möglichkeit, keine Gewissheit. Eine Möglichkeit, die desto unwahrscheinlicher wird, desto offener wir als Gesellschaft mit unserer Vielfalt umgehen. Identitätsaspekte hingegen zu ignorieren, lässt diese nicht verschwinden und verhindert daher auch keine befürchteten möglichen Komplikationen.

Das unersetzliche Gefühl des Angenommenseins

So geht es auch George. Sie hat das Glück, dass ihre beste Freundin Kelly erfreulich anpassungsfähig ist. Auch wenn sie am Anfang noch Sachen sagt wie:

Du willst auf der Bühne ein Mädchen spielen. Na und? Es ist ja nicht so, dass du ein Mädchen sein willst. [S. 66]

Im Grunde versucht sie auch mit dieser Aussage, George zu sagen, sie sei OK, so wie sie ist – nur weiß Kelly nicht wie George ist, und erreicht daher das Gegenteil. Vielleicht geht es Kelly wie mir, als mir meine beste Freundin in der Grundschule sagte, sie möchte fortan Ingo genannt werden: es ist ihr egal, ob George ein Junge oder ein Mädchen ist, weil sie nicht glaubt, dass Charakterzüge vom Geschlecht abhängig sind. Aber George ist es eben nicht egal. Sie ist enttäuscht, dass Kelly das nicht bemerkt.

Irgendwie war es für sie schlimmer, dass Kelly behauptete, es sei keine große Sache, dass sie – George – Charlotte spielen sollte, als wenn sie gesagt hätte, es sei eine furchtbare Idee. Es schien so, dass Kelly überhaupt nicht merkte, dass etwas nicht stimmte. [S. 69/70]

Aber als George sich endlich ihr gegenüber offenbart, schafft sie es umzuschalten und erweist sich als große Hilfe. Und auch Georges Mutter wird doch am Ende ein Einsehen haben … oder? Ihre Reaktion, als sie Georges Mädchenzeitschriften findet, lässt nicht darauf hoffen.

George ist ein Buch für Kinder und Jugendliche, entsprechend ist die Komplexität von Sprache und Story gehalten. Das ist kein Mangel, sondern lobenswerte Angemessenheit. Verglichen mit anderen Büchern, die ein spezifisches Problem Jugendlicher zum Thema haben, ist es ein literarisches Meisterwerk. Die individuellen Charaktere sind alle, auch die Nebenfiguren, in schlichten Worten treffend und lebendig geschildert. Auch die Verquickung der Geschichte von Charlotte und Wilbur mit der von George und Kelly ist sehr gelungen.

George von Alex Gino ist ein wichtiges, mutmachendes Buch für transgender Kinder, es ist aber auch ein hervorragendes Buch für alle anderen, da es zeigt, wie bereichernd es für die Gesellschaft ist, Diversität anzunehmen. Vor allem ist George ein schönes Buch über Freundschaft und Verständnis.


Alex Gino George

Alex Gino: George, S. Fischer Verlag 2016

Aus dem Amerikanischen von Alexandra Ernst
Preis € (D) 14,99 | € (A) 15,50
ISBN: 978-3-7373-4032-8
Die amerikanische Originalausgabe erschien 2015 unter dem Titel George bei Scholastic Inc., New York.
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