David Wagners Farbenlehre

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Willi Tomes: Farbspektrum aus Schallplattenlabels auf dem Klunkerkranich in den Neukölln Arcaden

David Wagner spaziert durch die Großstadt und tritt dabei in die Fußstapfen der Flaneure seit Charles Baudelaire, Walter Benjamin und Franz Hessel.

Welche Farbe hat Berlin ist eine Sammlung von Texten, die – mit Ausnahme von Nachmittags am 1. Mai 2001 – zwischen 2004 und 2010 entstanden und zum Teil bereits andernorts erschienen sind. Der Flaneur spaziert in diesen Texten durch ganz Berlin, von innen nach außen, von Ost nach West, durch Mitte und Kreuzberg ebenso wie durch Buch und Stahnsdorf, gern allein, auch mal in Begleitung. Er hat einen genauen Blick fürs Detail und es gelingen immer wieder überraschende, treffende Formulierungen, die das Erkannte eindrücklich vermitteln und dabei noch amüsieren – so heißt es zum Beispiel über das Europa-Center, es wirke heute wie ein Shoppingmall-Museum [S. 58], oder über das Bad am Bonbijoupark:

Die Kinder, die da planschen, planschen quasi im Rohmaterial eines expressionistischen Großstadtgedichts: Über ihnen rollen S-Bahnen und ICEs auf dem Stadtbahnviadukt, Ausflugsdampfer ziehen auf der Spree vorbei, der Fernsehturm ragt groß ins Bild und Flugzeuge zeigen sich am Himmel. [S. 13]

David Wagners allerliebstes rhetorisches Stilmittel ist aber offensichtlich die Parenthese,

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Willi Tomes: Spektrum 2

bei der eine Aussage oder Frage in einen Satz eingeschoben wird, ohne sie in dessen grammatische Struktur zu integrieren. Die Parenthese kann dazu dienen, den Einschub zu betonen, insbesondere, wenn sie in Gedankenstriche gesetzt ist, was Wagner allerdings selten macht. Seine Parenthesen wirken mehr wie Stolpersteine. Sie stören den Lesefluss, den imaginären Gang durch die Stadt:

Einem Kind, das hier, das neue Pflaster ist so glatt, Rollschuh fährt, ist dieser Wahnsinn nur schwer zu vermitteln. [S. 21]

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Willi Tomes: Spektrum 3 (twisted)

 

Das Holperige des Satzbaus bildet einen Kontrast zum glatten Pflaster und illustriert gleichzeitig die Schwierigkeit, dem Kind etwas Vergangenes zu vermitteln, aus der Zeit als die Mauer dort noch stand und das Pflaster nicht glatt war.

Wagner gebraucht diese Figur in Welche Farbe hat Berlin allerdings so inflationär, dass einem Bedenken kommen, ob sie immer sinnvoll eingesetzt ist. Manche Parenthesen wirken völlig unmotiviert:

In der Kolonie Freie-Stunde wird noch nicht, es ist zu früh im Jahr, gegärtnert. [S. 47]

R. will noch einen Kaffee trinken, also setzen wir uns, ich erinnere mich nicht, je dort gewesen zu sein, ins Mövenpick im Europa-Center. [S. 57/58]

Innen, wir hören es und riechen Maschinenöl, wird gearbeitet. [80]

Dies sind nur wenige, wahllos herausgegriffene Beispiele. Es wäre eine hübsche Aufgabe für einen Erbsenzähler, auszurechnen wie viel Prozent aller Sätze in Welche Farbe hat Berlin Parenthesen enthalten. Subjektiv schätze ich 45%, wahrscheinlich sind es aber objektiv viel weniger – wenn es anfängt zu nerven, fällt es nur mehr auf. Man kann das natürlich auch gut finden; ich fand es prätentiös.

Dass mir Wagners Flaneur irgendwann unsympathisch wurde, hat aber sicherlich nicht nur

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Willi Tomes: Vinylmosaik

damit zu tun. Ganz anders als Franz Hessels Flaneur in Spazieren in Berlin von 1929, wirkt er auf mich überheblich und von sich selbst eingenommen. Wenn er beispielsweise schreibt: „[I]ch esse Angry Onions, und das nur, weil mir der Name so gut gefällt“ [S. 68], dann wirkt das auf mich, als fände er dieses Verhalten wahnsinnig originell – dabei zielt dieser Name doch allein darauf ab, Menschen zu überreden, ein Produkt zu essen, für das sie sich ohne den Namen wohl nicht entschieden hätten. Ich schätze leicht schrullige Protagonisten sehr, unabdingbar dazu gehört aber, dass sie mit ihrer Verschrobenheit nicht kokettieren. Und dass sie tatsächlich ungewöhnlich sind und sich nicht bloß selbst so finden.

Verglichen mit Franz Hessel erschien mir das Tempo sehr betulich. Den Flaneur als Typus kennzeichnet eine gewisse Langsamkeit, aber man kann es auch übertreiben. Waren denn die 2000er Jahre tatsächlich so viel lahmer als die 20er Jahre? Auch laufen die detaillierten Beschreibungen oft ins Leere. Wo Walter Benjamin die Spaziergänge und die beschriebenen Beobachtungen als Grundlage für kulturgeschichtliche und soziologische Theoriebildung dienten, bleibt Wagner in der Beschaulichkeit stecken, blitzhafte Erkenntnisse wie in Benjamins Passagen-Werk sucht man vergeblich, das ist aber wohl auch zu viel verlangt.

Vielleicht wirken Benjamin und Hessel aber zum Teil auch deshalb weniger beschaulich, weil sie etwas für uns lang Vergangenes, mithin Fremdes beschreiben. Allein dadurch ist es schon spannender. Vielleicht entfaltet Welche Farbe hat Berlin seinen Reiz eher für Leser, die zwischen 2004 und 2010 nicht selbst in Berlin gelebt haben und nicht selbst mit aufmerksamen Augen durch die Stadt spaziert sind. Vielleicht ist es mehr ein Buch für 2103.

Und welche Farbe hat nun Berlin? Wenn man mich fragt – eindeutig klümpchenparaka.

 


1199_lWagner, David: Welche Farbe hat Berlin, Verbrecher Verlag 2011

Ich zitiere aus der Ebook-Ausgabe, Verbrecher Verlag 2013. Die Seitenangaben beziehen sich auf die feststehenden Seitenzahlen am Rand. Diese scheinen mir von der Printausgabe abzuweichen, weil laut Anmerkung hinten im Buch auf den Seiten 11 und 12 Bilder von Fehmi Baumbach sein sollen, die hier auf den Seiten 6 und 7 zu finden sind.

Ansonsten finden sich in Welche Farbe hat Berlin auch einige Fotos; es handelt sich dabei nicht um die hier von mir verwendeten Bilder; die habe ich frei assoziiert. Sie zeigen Werke des Berliner Künstlers Willi Tomes.

Es gibt eine weitere Ausgabe im Rowohlt Verlag, 2014.

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4 Gedanken zu “David Wagners Farbenlehre

  1. Von David Wagner habe ich bisher nur den hochgelobten autobiographisch angehauchten Roman „Leben“ gelesen – und tat mir damit mehr als schwer. Sprich: Ich fand ihn nicht gut, mich störte der Stil, ich fand es auch sehr gewollt, dass der Protagonist von seiner Tochter immer als „das Kind“ sprach … und irgendwie scheint mir bei Deiner Besprechung durchzuklingen, dass dieses Artifizielle immer noch seins ist. Nun gut, das Buch spare ich mir, obwohl ich mich fürs Flanieren und Flaneure begeistern kann. Deine Besprechung aber hat Spaß gemacht. Und ich werde beim nächsten Berlin-Besuch klümpchenparaka sehen 🙂 Tolle Bilder zudem!

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    1. Leben ist neuer als diese Sammlung (zumindest als die Ausgabe des Verbrecher Verlags), aber ja, der Stil scheint sich durchzuziehen. Artifiziell trifft es schon, auch wenn, wie ich ja auch geschrieben habe, immer mal lustige Formulierungen dazwischen sind.
      Dass er immer „das Kind“ schreibt, hätte mich auch gestört (habe Leben aber nicht gelesen), hier werden nur Namen zu Initialen verkürzt, was ich generell nicht mag, es liest sich irgendwie sperrig.
      „Klümpchenparaka“ ist übrigens keine Eigenkreation, sondern wurde von Freitag O’Leary in Mr Gum und das geheime Geheimversteck von Andy Stanton erfunden; beziehungsweise von Harry Rowohlt, der es übersetzt hat. Original heißt die Farbe „bunch paraka“, aber das bringt es für mich nicht. „Klümpchenparaka“ hingegen ist ein Zauberwort. Die Farbe wird im Buch nicht definiert, ich stelle mir ein dreckig-glitzerndes Türkis-Mint-Grün vor (fluoreszierend bei Nacht). Aber jeder kann sich etwas anderes darunter vorstellen, weshalb es für mich die Farbe Berlins ist.
      Die Bilder sind von Willi Tomes, einem hochinteressanten Künstler, der mit ungewöhnlichen Materialien arbeitet. Diese Bilder sind zum Beispiel Mosaike aus Splittern von farbigen Schallplatten.

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