Transkulturelle Manifestationen der Gerissenheit

Alan Mills legt in seinem neuen Essay Hacking Coyote den Quellcode des Tricksters offen und stellt so eine Verbindung zwischen seinen Manifestationen in verschiedenen kulturellen Kontexten her, um ihn für das Leben im digitalen Zeitalter praktisch nutzbar zu machen.

 

manifestationen-des-kojoten
Mexikanischer Kojote, Son Góku, Reinecke Fuchs, Hunahpú und Ixbalanqué

 

Was haben Walter White aus Breaking Bad, der Volksheilige San Simon (genannt Maximón), Loki, Leprechaun, Son Góku, die Zwillinge Hunahpú und Ixbalanqué aus dem Popol Vuh, Reineke Fuchs, die Hacker von Anonymus und der Joker gemeinsam? Alan Mills zufolge sind sie alle – und die Liste ist nur eine Auswahl – Manifestationen eines bestimmten Typs: des gerissenen Tricksters, der oder die sich mit Hilfe von Tarnung, Verstellung und (z.B. sexueller) Transfiguration durch alle Gefahren hindurchmanövriert, im richtigen Moment aber auch anzugreifen weiß.

It is not to say that all these characters are one and the same, but rather that they all act or behave in similar ways within the most diverse range of cultural framework. [15/105]¹

All diese Erscheinungsformen fasst Mills unter der Metapher des Kojoten, sozusagen einer Meta-Metapher, denn die genannten Erscheinungsformen sind zum Teil selbst bereits Metaphern. Mills arbeitet die Kojotenhaftigkeit seiner Beispiele sehr ausführlich heraus und weiß dabei antike Mythen mit aktuellen Fernsehserien, Kulturtheorie mit Unterhaltung zu verbinden, wobei er sicherlich nicht in diesen sinnlos abgrenzenden Kategorien denkt.

Der Essay ist aber keine reine kulturwissenschaftliche Spielerei. Dies wird spätestens im Kapitel Hacking the Empire: digital colonialism vs. enlightened coyote-ism deutlich. In Star Wars IV – Eine neue Hoffnung bereiten die Rebellen von den Ruinen der Maya Stadt Tikal in Mills Heimatland Guatemala (im Film Yavin 4) einen Angriff auf das Imperium vor. Mills sieht hierin eine strukturelle Ähnlichkeit zum heutigen Internet:

In a similar way, material colonialism is reflected or expressed in the asymmetries of the contemporary digital world: on the ruins of an original Web that promised universal access to knowledge, a block of computer consortia has been mounted that, while they can simulate a true alternative candor, as in the specific case of Silicon Valley companies in the United States, at the same time make it quite clear that their post-industrial motors revolve around alienation and dispossession of internet users worldwide, all this at the same pace with which they are systematizing, classifying, manipuating and making profitable our data, interests and ideas, limiting our utopian open access to information, making the web a less neutral space every day. [20-21/105]

Wer diese erneute Kolonisierung verhindern, oder zumindest behindern möchte, sollte sich Mills zufolge der Techniken des Kojoten bedienen, um Wissen allgemein zugänglich zu halten. Bei der Kolonialisierung Südamerikas konnte das heilige Buch der Maya, das Popol Vuh, dadurch erhalten und überhaupt erst allgemein zugänglich gemacht werden, dass es heimlich in lateinische Schrift transliteriert und dann ins Spanische übersetzt wurde, denn die Eroberer hatten die Mayaschrift verboten und die Originale verbrand. Dies entspricht im Prinzip dem Vorgehen eines Hackers.

Alan Mills Essay ist auch strukturell interessant angelegt – stellenweise erinnerte mich sein Vorgehen an Walter Benjamins Essay über den Surrealismus, in welchem er nicht nur diesen erklärt und beschreibt, sondern die sprachliche Gestaltung des Materials zum Teil selbst Züge einer surrealistischen Poetizität trägt, die an diesen Stellen auf eine nicht-rationale Erkenntnis abzuzielen scheint. Alan Mills schreibt über das Internet in einer Form, die zum Teil so assoziativ funktioniert wie das Internet selbst:

Michael Jackson never got out of Neverland.

Jackson is the son of Jack.

Listen to that voice-over telling us Tyler Durden is Jack’s broken heart.

For some it seems pretty obvious that the charakter of English folklore called „Jack in the Green,“ with its strange feast of drunken bushes and practical jokes , is a disguised version of Puck, or Robin Hood himself.

Jacob is the biblical trickster. Jacob is always playing tricks on his brother Esau in order to position himself higher up on the hereditary chain.

Our dark side is Uncle Jack: the neo-Nazi from Breaking Bad’s last season. [82-83/105]

Diese Assoziationskette um den Namen Jack geht noch eine Weile so weiter. Rational ist diese Passage vielleicht weniger überzeugend als andere, aber sie verhilft zu einer nicht-rationalen Erkenntnis, die vermittelst der Form etwas über den Inhalt sagt. Alan Mills ist eben auch ein Dichter ( – leider sind seine spanischen Gedichte nicht auf Deutsch erhältlich und auch die Originalbücher in Deutschland schwer zu bekommen). Das fließt genauso in diesen Essay ein wie seine wissenschaftliche Tätigkeit (er promoviert über lateinamerikanische Science-Fiction-Literatur und alte Mythen), seine Herkunft (Guatemalteke mit jamaikanischen Wurzeln), seine nomadische Seele, wie er es selbst nennt (die letzten zehn Jahre verbrachte er in Buenos Aires, São Paulo, Paris, Madrid, Leipzig, Wien und Berlin), und sein Bildungsweg (er studierte Jura und trieb Politik).

Diese Vielfältigkeit und diesen Erfahrungsreichtum spiegelt Hacking Coyote wieder und das macht es zu so einer bereichernden Lektüre.

 


¹Ich zitiere nach Alan Mills: Hacking Coyote. Tricks for Digital Resistance. mikrotext 2016.

Cover – Alan Mills – Hacking Coyote

Da das E-Book keine festen Seiten hat, gebe ich dazu an, wie viele Seiten das Buch auf meinem Gerät bei meinen Einstellungen insgesamt hat. [15/105] heißt also: Seite 15, wenn die Gesamtseitenzahl 105 ist. Ich hoffe, diese Angabe ist annähernd genau genug.

 

 

 

Cover – Alan Mills – Eine Subkultur der Träume Ebenfalls bei mikrotext von Alan Mills erschienen: Eine Subkultur der Träume. Es handelt sich dabei um eine Sammlung seiner poetischen Tweets (aus dem Spanischen von Johanna Richter) und kann darüber hinweghelfen, dass die Lyrikbände Poemas sensibles, Los nombres ocultos (Magna Terra 2002), Marca de agua (Cultura 2005), Síncopes. Testamento futuro  (noch) nicht zu haben sind. Steht auf meiner Leseliste ziemlich weit oben.

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