Stein, Papier, binäre Codes

Gedanken über E-Books – zum sinnlosen Streit, ob Bücher trotzdem besser sind, über Publikumsverlage und ihre Beziehung zum Digitalen und eine Vorstellung meiner drei liebsten Indie-E-Book-Verlage.

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Es ist noch nicht lange her, da haben nicht nur echte Bibliophile, sondern auch einfach konservative Leser mit verknitterten, vergilbten Taschenbuchausgaben in Händen auf E-Books und ihre Leser eingehackt: E-Books seien hässlich, das sei ja gar keine Buchkultur, aber das passe ja auch, denn E-Book-Leser seien ohnehin kulturlos, wo bleibt da überhaupt die Haptik (von der vorher nie jemand gesprochen hatte) und immer so weiter. Als digital Lesende*r fühlte man sich herausgefordert, trotzig Tocotronics Digital ist besser anzustimmen, oder, je nach Situation, ein beschwichtigendes „Don’t hate – appreciate!“  hinüber zu werfen. E-Books wollen doch die Verlagswelt nicht in Schutt und Asche legen, sie wollen lediglich ein anerkannter Teil derselben sein.

Die restaurativen Printliebhaber scheinen weniger oder leiser zu werden, aber sie sind ja auch nicht immer gleich zu erkennen. Noch 2013 überraschte mich eine junge Verlegerin mit ihrer Einstellung zu E-Books: Die Frankfurter Buchmesse stand bevor und sie erzählte mir gerade, dass sie morgen dorthin abreisen würde, also drückte ich ihr einen Flyer für eine von einem Berliner Netzwerk von E-Book-Verlagen veranstaltete Party in die Hand. Ihr Interesse schwand schlagartig, als ich ihr erklärt hatte, worum es sich da handelte, und sie sagte abwehrend: „Ich bin ja Verlegerin geworden, weil ich Papier so gerne mag.“ Wtf? „Hättest Du da nicht besser eine Papeterie aufgemacht?“ habe ich nicht gefragt, nur gedacht.

Viele Argumente gegen E-Books basieren auf völlig falschen Vorstellungen. So ergab eine 2014 im Fachmagazin PNAS veröffentlichte Studie, dass abendliches E-Book-Lesen zu Ein- und Durchschlafstörungen führe. Allerdings las die Kontrollgruppe ihre Printbücher bei gedämpftem Licht, während die Lesegeräte der Probanden auf maximale Helligkeit gestellt waren, und so liest wohl niemand nachts im Bett. Wählt man hingegen den Nachtmodus oder, meiner Ansicht nach noch besser, Sepiafarbspektrum und minimale Helligkeit – schon schlummert man wie ein Murmeltier.

Für die Wissenschaft bieten digitale Texte unabweisbare Vorteile: das leichte Gepäck auf der Reise zu Tagungen und Kongressen, hemmungsloses Anstreichen und Notieren, schneller Zugriffe auf alte, seltene Ausgaben in Bibliotheken weltweit und nicht zuletzt die Volltextsuche. Tatsächlich hätte ich meine Masterarbeit über Unterstreichungen und Marginalien als Motiv ohne Volltextsuche gar nicht schreiben können. Zum Zitieren habe ich dann allerdings gedruckte, wenn möglich historisch-kritische Ausgaben verwendet, denn viele E-Books sind aufgrund der veränderlichen Seitenzahlen nicht zitierfähig. Manche Verlage, so zum Beispiel Reclam, fügen aber inzwischen die Seitenzahlen der gedruckten Ausgabe in eckigen Klammern in den Text ein, was dieses Problem simpel eliminiert. Die Seitenzahlen an den Rand der Zeile zu schreiben ist nicht die ideale Lösung, weil es manchmal darauf ankommt, nach welchem Wort der Seitenumbruch kommt.

Aber die Fronten zwischen Print und E enthärten sich. Inzwischen publizieren die meisten großen Publikumsverlage ihre Neuerscheinungen zeitgleich als E-Book und digitalisieren peu à peu die alten Bestände – auch wenn ich den natürlich völlig subjektiven Eindruck habe, dass manche es nur widerwillig tun. Nicht weiter verwunderlich, dass ausgerechnet auf dem Blog des Suhrkamp Verlags die Debatte um die Kulturlosigkeit des E-Books 2014 noch einmal losgetreten wurde. Zwar hieß es von Verlagsseite, der Beitrag repräsentiere nur die Meinung des Autors Friedrich Forssman, nicht die des Verlags, zwar veröffentliche man dort auch eine entgegenkommende Entgegnung auf Forssman und einen Versuch der Versöhnung (der aber auch nur wieder eine Polemik war), aber die ablehnende Haltung Forssmans passt zu einem Verlag, der auch heute noch in Sachen Digitalisierung hinterherhinkt.

Der Carl Hanser Verlag etwa hat mit der Hanser Box ein E-Book-only-Projekt, dass sich einen wichtigen Vorteil des E-Books zu nutze macht: Als E-Book lassen sich auch Texte publizieren, die so kurz sind, dass sich Herstellung und Vertrieb als gedrucktes Buch nicht rechnen würden. Seit Oktober 2014 erscheint jeweils ein solch kurzer Text als E-Book zum kleinen Preis. Bei anderen E-Book-only Imprints großer Verlage jedoch, etwa Midnight und Forever bei Ullstein, scheinen die Verantwortlichen leider zu glauben, E-Books seien so eine Art Weiterentwicklung des Groschenromans, in der es nur um Liebe oder Gewalt  gehen könne – aber nicht beides zugleich! – und die nur für den schnellen Konsum des anspruchslosen Lesers gedacht seien. Das ist allein mein subjektiver, nicht fundierter Eindruck, gestützt lediglich vom Bericht eines Autors, dass man sich dort mit Lektorat und Marketing keine rechte Mühe gebe.

Jenseits der bekannten Verlagslandschaft gedeihen aber auch immer mehr kleine Indie-E-Book-Verlage, die sich neben dem bereits erwähnten Vorteil, dass E-Books weniger an einen bestimmten Umfang gebunden sind, auch noch andere zunutze machen. Zum Beispiel kann digital experimenteller publiziert werden: Nischenthemen, explizit digitale Themen, neue literarische Formen – Bücher, denen etablierte Printbuchverleger kaum eine Chance gegeben hätten.

Um zu zeigen, welch schöne Blüten das treiben kann, möchte ich meine drei Favoriten unter den E-Book-Verlagen kurz vorstellen.

Frohmann

Den Frohmann Verlag gibt es seit 2012 und damit von meinen drei Favoriten am längsten. Wichtige Themen des Verlagsprogramms sind digitale literarische Formen, die sowohl theoretisch durchleuchtet (in der kulturwissenschaftlichen Reihe Generator), als auch beispielhaft vorgelegt werden: Twitteratur ebenso wie andere Formen genuin digitalen Schreibens (in der Reihe 0x0a). Das Digitale bestimmt bei Frohmann also nicht nur Form, sondern auch Inhalt.

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Eine kleine Auswahl aus dem Programm von Frohmann

Das diskursive Niveau, auf dem das alles verhandelt wird, ist angenehm hoch, ohne Uneingeweihten gegenüber unnötig ausgrenzend zu sein. Nicht von ungefähr äußerte Felicitas von Lovenberg auf der Leipziger Buchmesse 2015, der Verlag habe „das wohl anspruchsvollste E-Book-Programm überhaupt“.

Frohmann hatte zunächst ein fast ausschließlich ästhetisch orientiertes Programm. Seit 2014 erscheinen aber auch Bücher von und zu Flüchtlingen, weil Verlegerin Christiane Frohmann deren Situation schlicht nicht mehr hinnehmbar fand. Sie rief daher auch im selben Jahr zusammen mit der Kulturwissenschaftlerin Asal Dardan die Gesprächsrunde An einem Tisch ins Leben, welche gerade Geflüchtete mit schon länger hier lebenden Autoren zusammenbringt, die auch Erfahrungen mit Flucht und Exil haben.

mikrotext

Als mikrotext Anfang 2013 gegründet wurde, war der ursprüngliche Gedanke, Texte zu verlegen, die so kurz sind, dass man sie auf dem Smartphone lesen kann, denn so liest Verlegerin Nikola Richter digitale Texte selbst am liebsten. Inzwischen hat sie aber auch Umfangreicheres im Programm. Ebenso wie bei Frohmann, wenn nicht noch deutlicher, ist bei mikrotext das Thema Flüchtlinge präsent.

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Eine kleine Auswahl aus dem Programm von mikrotext

Viel mediale Resonanz fanden die Bände Mein Akku ist gleich leer, der die immer wieder unterbrochene Chatunterhaltung zwischen der Journalistin Julia Tieke und dem syrischen Medienaktivisten Faiz auf dessen Flucht nach Deutschland dokumentiert, und Der klügste Mensch im Facebook von Aboud Saeed, der dessen lesenswerte Facebookposts versammelt. Inzwischen musste auch er aus Syrien fliehen. Daneben finden sich auch einige Essays zu poetologischen und politischen Themen, etwas Berlin-Literatur sowie der neue Band der Callcenter-Monologe In Zukunft sind wir alle tot der diesjährigen Bachmann-Preis-Kandidatin Stefanie Sargnagel, die den BKS-Bank-Publikumspreis erhielt. Das Programmkonzept von mikrotext scheint mir insgesamt nicht so stringent zu sein wie das von Frohmann und CulturBooks, aber das muss ja kein Nachteil sein.

CulturBooks

Das Digitale spielt inhaltlich keine Rolle bei CulturBooks und ist doch nicht unwichtig für den Verlag. Denn er macht sich zu nutze, dass ein E-Book von der Länge des Textes unabhängig ist. Im Gegenzug sieht man einem E-Book seinen Umfang aber auch nicht auf den ersten Blick an. Verlegerin Zoë Beck und Verleger Jan Karsten haben deshalb Kategorien aus der Musikbranche übernommen, die unmittelbar einen Eindruck vermitteln: Album, Longplayer, Maxi, Single steht auf einem schwarzen Streifen am unteren Rand, auf den wenigen gedruckten Büchern Unplugged. In das Coverdesign bin ich regelrecht verliebt: Auf körnig hellbeige gefärbtem Hintergrund findet sich der Name der Autorin, des Autors in blau, rot, gelb oder grün, der Titel in schwarz, Großbuchstaben, je ein bis zwei Wörter pro Zeile, der Rest der Zeile ist mit einem Streifen in der selben Farbe gefüllt. Hier ist es wirklich einmal schade, dass man ein E-Book nicht herumliegen haben kann.

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Eine Auswahl aus dem Programm von CulturBooks

Ein Schwerpunkt des Verlags liegt auf literarischen Kriminalromanen, weshalb ich mich lange nicht um CulturBooks gekümmert habe – ich bin nicht unbedingt Krimileserin und dachte, das sei für mich nicht interessant. Die Kriminalromane, die dort verlegt werden, sind aber literarisch und konzeptionell so gut, dass ich sofort bekehrt wurde, sobald ich einmal einen genaueren Blick auf das Programm geworfen hatte.

Außerdem gibt es nicht nur Krimis, sondern auch viele andere Romane, Novellen und Erzählungen aus verschiedenen Kulturen, auch aus sonst weniger stark repräsentierten Ländern wie Indonesien. Momentan bin ich gerade absolut begeistert von Pippa Goldschmidt, einer promovierten Astrophsyikerin und Absolventin des Masters-Kurses in Creative-Writing der Universität Glasgow, die beide Professionen in ihren Erzählungen genial zusammenbringt. Bei CulturBooks sind von ihr erschienen: Das Album Von der Notwendigkeit, den Weltraum zu ordnen, der Longplayer Weiter als der Himmel und die Single Der südlichste Punkt (auch auf englisch: Furthest South).

Alle drei vorgestellten Verlage haben inzwischen auch einige wenige Titel als Printausgaben herausgebracht. Zu beziehen sind die E-Books in den gängigen Stores. Die E-Book-Boutique Minimore, die ein schönes Sortiment ausgewählter E-Books von kleinen Verlagen präsentiert hat, musste leider dieses Frühjahr schließen. Das ist schade, denn wenn es auch unbestreitbar ein Vorteil ist, dass große Stores wie iTunes ein schier endloses Sortiment bereithalten, so fehlt einem doch manchmal die ordnende Hand der Buchhändlerin, die aus der Masse der Veröffentlichungen auswählt und Empfehlungen geben kann. Vielleicht war die Zeit noch nicht reif. Vorerst müssen wohl Buchblogger für E-Book-Empfehlungen sorgen.

Was denkt Ihr? Würdet Ihr gern mehr Rezensionen zu reinen E-Books lesen?

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10 Gedanken zu “Stein, Papier, binäre Codes

  1. Ich selbst lese sehr wenige E-Books. Ich hab gar nichts gegen die, sie bieten mir aber selten einen Vorteil, sofern es sie auch gedruckt gibt (außer dem Preis).
    Allerdings haben sie natürlich enorme Vorteile, was z.B. Lieferbarkeit angeht oder das experimentieren mit Formaten, die man nicht unbedingt im Druck riskieren will oder eben so kurzen Formen, dass sich ein Buch fast nicht lohnt.
    Bei überzeugenden Rezensionen und Empfehlungen würde ich natürlich auch E-Books kaufen.

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    1. Wenn es ein Buch sowohl als Print als auch als E- gibt, ist es irgendwo Geschmacksache, wie man es liest. Ich lese halt sehr gern am iPad, weil ich es praktisch finde und nachts niemanden störe, weil ich kein Licht brauche. Der Preis ist für mich durchaus ein Argument, noch billiger sind ja oft englischsprachige E-Book-Ausgaben. überhaupt kommt man etwas leichter an fremdsprachige Ausgaben, aber der Buchhandel liefert auf Bestellung ja auch schnell. Und billige Printausgaben gibt es ja auch, zum Beispiel Secondhand oder als oft gar nicht so mangelhaftes Mängelexemplar. Vorsicht ist übrigens geboten bei billigen (99 Cent) E-Book-Ausgaben von übersetzten Klassikern: Die Übersetzungen sind richtig alt und teilweise richtig schlecht. Manchmal dauert es Jahrzehnte bis sich etabliert hat, wie man einen Autor am besten übersetzt, durch andere Werke des Autors und durch Erkenntnisse der Literaturwissenschaft.
      Für mich ist auch noch ein Argument – das sicher viele nicht nachvollziehen können – dass ich für E-Books kein Regal brauche. Mein Mann hat nämlich als DJ eine riesige Plattensammlung, die schon das ganze Wohnzimmer voll macht und ich bevorzuge eine minimalistische Ästhetik.
      Das beste und einzig schlagende Argument für E-Books sind aber die vielen tollen E-Book-only Ausgaben. Ich nehme mir gerade vor, deren Verbreitung mit voranzutreiben.

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      1. Die Klassikerübersetzungen sind auch in den gemeinfreien Varianten oft grauenhaft. Zumindest aus heutiger Sicht.
        Und stimmt, über fremdsprachige Titel hatte ich gar nicht so nachgedacht. Ich lese ja nur englische Bücher, da ist man ja in Deutschland i.d.R. schnell und gut versorgt. Mit anderen Sprachen – und es sei es nur Niederländisch – hat man da oft schon sehr viel größere Schwierigkeiten. Eine Bekannte von mir kommt aus Litauen und liest gern Autoren aus der Heimat. Die ist heilfroh über ihren Reader.
        Auf die E-Books, die du vorstellen wirst, bin ich sehr gespannt!

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      2. Die billigen Klassikerübersetzungen, die ich meinte, sind ja auch gemeinfreie Übersetzungen; daran, dass es die ja auch umsonst gibt, hatte ich in dem Moment gar nicht gedacht.
        Hab heute ein Rezensionsexemplar eines neuen E-Books zugeschickt bekommen, dass sehr vielversprechend klingt. Rezension kommt nach dem 22. 09., ein Autor aus Guatemala, der auf englisch schreibt.

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