Erste Begegnungen

Heute vor 228 Jahren, am 7. September 1788 sind sich Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller zum ersten Mal begegnet, im Beulwitz’schen Haus in Rudolstadt. Anlass genug, meine jüngste und meine erste Begegnung mit diesem – heute Schillerhaus genannten – Gebäude zu reflektieren.

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Das renovierte Schillerhaus im November 2013 © Andreas Fiedler

Erst in diesem Sommer bin ich dazu gekommen, das 2005-2009 sanierte Schillerhaus in Rudolstadt zu besuchen – obwohl meine Schillerbegeisterung als Jugendliche recht groß war, hält sie sich nun schon seit geraumer Zeit in engen Grenzen. Das neue Schillerhaus ist ganz nett geworden, alles so schon aufpoliert …

Das Schillerhaus befindet sich in der Schillerstraße 25 in 07407 Rudolstadt. Schiller verbrachte den Sommer 1788 in dem Haus der Schwestern Caroline und Charlotte von Lengefeld, die später Schillers Frau wurde. Am 7. September fand hier die erste persönliche Begegnung zwischen Goethe und Schiller statt.

Das Museum befindet sich im ersten Stock des Hauses. Die Ausstellung ist als Rundgang gestaltet und konzentriert sich zunächst auf die Begegnung mit Goethe, die als Gespräch zwischen Schiller, Charlotte von Stein, Charlotte von Lengefeld und Goethe inszeniert wird:

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Der Speisesaal © Z thomas

Im Speisesaal hängen vier Flachbildfernseher auf drei Wände verteilt, in jedem ist die Büste einer Schauspielerin oder eines Schauspielers zu sehen, man kann sich an den Tisch setzen und das Gespräch der vier verfolgen. Zunächst gefiel mir die Idee nicht schlecht. Das Gespräch bleibt jedoch recht oberflächlich und da ich über die Verhältnisse der vier zueinander schon informiert war, zumal ich kurz zuvor eine Auffrischung im Schloß Groß-Kochberg hatte, wurde es mir schnell langweilig. Der Rest der Ausstellung befasst sich mit der Beziehung Schillers zu den Schwestern – auch die ist meines Erachtens kaum von literaturwissenschaftlichem Interesse, und wohl auch nicht unbedingt von literaturhistorischem oder kulturgeschichtlichem, denn so weit ich weiß, gibt es kein Archiv etwa mit Originalbriefen der drei im Schillerhaus Rudolstadt.

Für Schillerfans ist ein Besuch aber sicherlich lohnenswert, weil die Sanierung und die Ausstellung sehr ansprechend und liebevoll ausgeführt wurden. Die Rudolstädter schätzen das neue Schillerhaus auch für sein Restaurant – das Essen soll sehr gut sein!- und weil man dort so nett im dazugehörigen Garten sitzen kann. Man kann eigentlich nicht meckern; ich bringe wohl einfach nicht das nötige Schillerfangirling mit.

Wahrscheinlich stört mich aber noch etwas ganz anderes am neuen Schillerhaus: Im ersten gemeinsamen Sommer mit meinem heutigen Mann, 2002, hatte er eine Ausstellung im unsanierten Schillerhaus. Er hatte damals gerade angefangen, an der UdK Berlin Bildende Kunst zu studieren. Wir verbrachten mehrere Tage und Nächte mit dem Aufbau, natürlich unbeobachtet. Alles war ewig nicht gestrichen worden, die Räume waren ziemlich leer, in einem stand ein altes Biedermeiersofa, auf dem ich einmal geschlafen habe, als mir die Nacht zu lang und mein Mann mit der Arbeit nicht fertig wurde.

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Vernissagegäste auf „meinem“ Sofa © Willi Tomes

Unsaniert und nicht museal aufbereitet, schien mir der Ort viel mehr geschichtlich aufgeladen. Ich konnte ganz allein in dem schönen Garten sitzen, der sehr angenehm ein kleines bisschen verwildert war, und mir vorstellen, wie Schiller und Goethe hier über die „Idee“ gestritten haben mögen (Schiller: „Diese von Ihnen gezeichnete symbolische Pflanze ist keine Erfahrung, sondern eine Idee.“ Goethe, eingeschnappt: „Das kann mir sehr lieb sein, dass ich Ideen habe, ohne es zu wissen, und sie sogar mit Augen sehen kann!“). Den Abend, die Nacht der Vernissage verbrachten wir mit vielen Freunden in großer Ausgelassenheit. Wir konnten spielen, das Haus sei unser eigen. Mit solchen Erinnerungen kann natürlich kein hübsches, aber distanziertes Museum konkurrieren. Dieses alte – mein – Schillerhaus ist im neuen nicht mehr zu erkennen; es ist fort und das macht mich wehmütig. Aber die Erinnerung bleibt.

Kennt Ihr auch öffentliche Orte, die durch eigentlich begrüßenswerte Instandsetzung für Euch als Erinnerungsorte verloren gingen? Wie denkt Ihr darüber?

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