Erlebnisse und Erlesnisse August 2016

Erlebnisse

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Diesen Sommer habe ich mir mein Diktum, dass Dichtermuseen für die Literaturwissenschaft (oder meine Auffassung davon) kaum von Bedeutung sind, mehrfach selbst bestätigt. Man sollte seine Ressentiments up to date halten.

Ich war also im Schloß Kochberg, wo Goethe regelmäßig Charlotte von Stein besuchte und wo man dessen Zeichnungen, Scherenschnitte und was er so auf seinen Schreibtisch gekritzelt hat bewundern kann. Nice; keinerlei Erkenntnisse.

Dann war ich im Schillerhaus Rudolstadt; wie ich es da fand beschreibe ich ausführlicher am 7. September, dem Tag an dem Schiller und Goethe sich dort zum ersten Mal getroffen haben, 1788. So viel sei verraten: Nice; keinerlei Erkenntnisse.

Außerdem war ich in Beethovens Geburtshaus in Bonn. Da ich Beethoven fanatisch liebe seit ich ca. fünf Jahre alt bin und auch hin und wieder über Beethoven im Zusammenhang mit Literatur gearbeitet habe (zum Beispiel über die Kreutzersonate), habe ich nichts wesentlich neues über Beethoven erfahren, aber ich habe mich ja auch nicht im Archiv vergraben. Die Führung war trotzdem sehr schön und es war interessant zu sehen, wie abgenutzt das Elfenbein in der Mitte der Tastatur von Beethovens Flügel war – außer das c‘. Offensichtlich hatte Beethoven diese Taste am stärksten abgenutzt und musste sie als erste neu belegen lassen. Really nice; Erkenntnis: Um Personenmuseen wirklich wertschätzen zu können, muss man bedingungsloser Fan der Person sein.

Erlesnisse

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J.K. Rowling, John Tiffany, Jack Thorne: Harry Potter and the Cursed Child (englisch, E-Book)

Im Nachhinein weiß ich gar nicht mehr so recht, wieso ich das Theaterstück eigentlich gelesen habe. Immerhin ging es schnell und hat nicht besonders weh getan. Eine spoilerarme Rezension gibt es hier.

Rowling, Joanne K. et al.: Harry Potter and the Cursed Child, Parts One and Two, Pottermore 2016

Graeme Simsion: Das Rosie-Projekt

Habe ich letztes Jahr zu Weihnachten bekommen und bisher kein Interesse gehabt zu lesen, weil der Klappentext für mich nach Tinderromanze in München klang. Ja – kann ich jetzt auch nicht mehr nachvollziehen.

u1_978-3-596-19700-2Don Tillman ist ein genialer Juniorprofessor für Genetik an der Universität Melbourne. So brillant er als Wissenschaftler ist, so hoffnungslos ist er als soziales Wesen: er hat Schwierigkeiten, Gesichtsausdrücke zu lesen, versteht keine Ironie und ist generell wenig empathisch. Seine bisherigen Versuche, auf herkömmliche Weise eine passende Frau zu finden, sind daher stets gescheitert. Er entwickelt auf wissenschaftlicher Basis einen Fragebogen, der ihm helfen soll eine Vorauswahl zu treffen. Es kommt dann natürlich alles ganz anders: Unerwartet taucht Rosie in seinem Büro auf. Er hält sie für eine Kandidatin, die sein Freund und Vorgesetzter Gene zu ihm geschickt hat. Sie erweist sich aber bald als völlig ungeeignet. Dennoch sehen sie sich weiter, weil Rosie auf der Suche nach ihrem biologischen Vater ist und Don als Genetiker seine Hilfe angeboten hat. Der Roman nimmt dann gewisse Züge einer Screwballkomödie an und am Ende (Überraschung!) geht alles gut aus.

Keine große Literatur, man sieht die in der Creative-Writing-Class gelernten Skills zwischen den Zeilen durchschimmern, aber ich fand es sehr unterhaltend und habe es in zwei Tagen durchgelesen. Es erinnerte mich etwas an The Big Bang Theory ohne Comichelden, nur dass TBBT bei genauerer Betrachtung leider kein Nerdhumor, sondern ziemlich billiger Humor über Nerds ist. Graeme Simsion hingegen sympathisiert mit seinem ungewöhnlichen, genialen, aber nicht immer cleveren Helden und der Leser hoffentlich auch.

Simsion, Graeme: Das Rosie-Projekt. Roman, deutsch von Annette Hahn, FISCHER Taschenbuch 2015.

Graeme Simsion: The Rosie Effect (englisch, E-Book)

cover-jpg-rendition-460-707Da mir das Rosie-Projekt als Unterhaltungsroman überraschend gut gefallen hatte, habe ich mir gleich den Nachfolger auf mein iPad geladen. Ich wünschte, das hätte ich nicht getan, denn der zweite Teil ist leider sehr viel schlechter als der erste. Ich habe nicht mal Lust, den Inhalt zusammenzufassen. Nicht nur wirken die zu überwindenden Probleme übertrieben konstruiert und lächerlich unrealistisch, auch die Figuren, selbst die Hauptfiguren, haben an Plausibilität und Liebenswürdigkeit eingebüßt. Don gewinnt im ersten Buch erheblich an sozialer Kompetenz hinzu und Rosie überwindet ihre Bindungsschwierigkeiten. Dahinter kann der zweite Band nicht einfach so zurück – er versucht es aber doch. Für mich hat das überhaupt nicht funktioniert.

Simsion, Graeme: The Rosie Effect, Penguin Books Ltd. 2014

Eva Demski: Goldkind

Eva Demskis Debütroman von 1979. Habe ich im Bücherregal meiner Mutter entdeckt und recht ansprechend gefunden.

3492228534Das Goldkind ist ein kleines, dickes Einzelkind, das nach dem zweiten Weltkrieg in einer süddeutschen Stadt aufwächst. Als Erbe der großväterlichen Eisenwarenhandlung wird er von allen „der kleine Chef“ genannt und von seinen Großeltern vergöttert und verhätschelt. Dieses Gefühl der Besonderheit trägt ihn und so kann er auch nicht davon ablassen, als seine sichere Position in der Welt ins Wanken gerät. Seine Beziehungen zu Menschen bleiben distanziert, es steht etwas Unbenanntes zwischen ihm und der Welt. Dies gilt sogar für seine Beziehung zu sich selbst. Er schwimmt im Leben so mit, was ihn in seinem Gefühl der Besonderheit kränkt, doch er kann nichts daran ändern. Seiner Passivität und der Behäbigkeit seines Körpers zu entkommen, bleibt ein unerfüllter Wunsch. Mir erschien er als ein ungewöhnlicher, interessanter, aber nicht unbedingt sympathischer melancholischer Charakter. Die Geschichte der jungen Bundesrepublik anhand eines Menschen zu erzählen, der nicht den Aufschwung erlebt, der keinen Aufstieg schafft, sondern einen Abstieg verkraften muss, der später mit dem Aufbegehren der Studentenbewegung nichts anzufangen weiß, ist einmal ein anderer Blickwinkel. Und Literatur in ihrer Gesamtheit lebt schließlich davon, dass sie das Menschliche in seiner ganzen Vielfältigkeit zeigt.

Goldkind ist sprachlich gut gelungen. Wie des Goldkinds Verhältnis zur Welt ist auch die personale Erzählhaltung distanziert, die wenigen Beschreibungen wirken sehr passend etwas verblasst und vergilbt. Durch diese Erzählhaltung aus Sicht des Protagonisten, der nicht immer alles versteht, was er registriert, bekommt der Leser ein Gespür für die Unpassendheit, die das Goldkind oft so peinlich berührt. Mich hat allerdings sehr gestört, dass das Goldkind keinen Namen hat, sondern N. genannt wird, ebenso wie die Stadt, in der er studiert, M. abgekürzt wird. Zuerst habe ich mir das so erklärt, dass manchmal ein noch nicht feststehender Name durch den Platzhalter N.N. (nomen nominandum) ersetzt wird; das N. also einfach ein überindividueller Stellvertreter seiner Generation sein soll, aber das ist er ja gerade nicht.

Demski, Eva: Goldkind. Roman, ungekürzte Taschenbuchausgabe, München (Piper) 2000, zuerst Darmstadt (Luchterhand) 1979.

Andy Stanton: Mr Gum und der schauerliche Hund von Bad Lamonisch (vorgelesen)

u1_978-3-7373-5041-9Der neunte Band der Mr-Gum-Reihe. Der erste Band, Sie sind ein schlechter Mensch Mr Gum, gehört zu den besten Kinderbüchern, ach was: zu den besten Büchern überhaupt, die ich je gelesen habe. Auch ein paar spätere waren noch ganz gut ( … und der fettige Ingo, … und das geheime Geheimversteck), aber Mr Gum und der schauerliche Hund von Bad Lamonisch ist leider lahm. Ich glaube, das Setting gibt einfach nichts mehr her.

Stanton, Andy: Mr Gum und der schauerliche Hund von Bad Lamonisch, deutsch von Harry Rowohlt, FISCHER Sauerländer 2015

Re-Reads

Harry Rowohlt: Der Kampf geht weiter! Nicht weggeschmissene Briefe

257d82f251f8b12a9c5a459bcd1c1bc4Harry ze Hun at his best. Der Band beinhaltet Briefe von 1956 bis 2004, die zum einen einfach die Spitze der Briefkultur sind, zum anderen interessanten Einblick in Harry Rowohlts Tätigkeiten als Übersetzer, Autor, Lindenstraßenpenner und seine sonstigen Umtriebe gewähren. In meiner Eigenschaft als Fangirl muss ich es einfach lieben und lese es daher immer mal wieder.

Rowohlt, Harry: Der Kampf geht weiter! Schönen Gruß, Gottes Segen und Rotfront. Nicht weggeschmissene Briefe, herausgegeben von Anna Mikula, Kein & Aber 2005

Tom Angleberger: Yoda ich bin! Alles ich weiß! (vorgelesen)

origamiyodapressefotoEin wirklich schönes Kinderbuch, dass eine ausführliche Rezension verdient und demnächst bekommen soll.

Angleberger, Tom: Yoda ich bin! Alles ich weiß! Ein Origami-Yoda-Roman, deutsch von Collin McMahon, Baumhaus Verlag 2013

 

 

 

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