Geschichten vom Kino – Alexander Kluge

Geschichten vom Kino ist Alexander Kluges schönstes Buch – weil es seine beiden großen Leidenschaften, Kino und Literatur, zusammenführt.

41904Als der promovierte Jurist Alexander Kluge Ende der 50er Jahre ein Volontariat bei Fritz Lang machte, der gerade Der Tiger von Eschnapur und Das indische Grabmal drehte, saß er viel in der Kantine und schrieb Geschichten, die später unter dem Titel Lebensläufe bei Suhrkamp erschienen. Er ist in beide Professionen, als literarischer Autor und als Filmemacher, auf höchstem Niveau eingestiegen und führt beide bis heute extensiv fort. Dabei ist ein wahrhaft einzigartiges Werk entstanden.

Die große Faszination, die Alexander Kluges Werk insgesamt auf mich ausübt, hat sich nicht gleich auf den ersten Seiten entwickelt. Ich fing erst an, seine Literatur zu begreifen, nachdem ich seine beiden ersten Langfilme Abschied von gestern (1966) und Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos (1968) gesehen hatte, denn auch seine Literatur ist filmisch angelegt; über die Lebensläufe sagte er:

Die Geschichten wurden zunächst als Filme konzipiert. Wenn man sie genau ansieht, kann man die ›Schnitte‹ feststellen. Das literarische Prinzip der ›Lebensläufe‹ ist ein filmisches Prinzip.¹

Für Kluge konstitutive Konzepte – die Kategorie Zusammenhang, der Antirealismus des Gefühls, das spezielle Montageprinzip – erschließen sich nicht im einzelnen Text, sondern nur über die Vielfalt seines Werks, das Kluge selbst mit einem Korallenriff vergleicht und das den Ausmaßen des Great Barrier Reef entspricht.1024px-coral_outcrop_flynn_reef

Der 2007 bei Suhrkamp erschienene Band Geschichten vom Kino bietet einen guten Einblick in dieses kaum zu überblickende Ökosystem, nicht nur weil es zwei der wesentlichen Ausdrucksformen Kluges – Literatur und Film – verbindet, sondern auch weil es die individuelle Form zeigt, die sein literarisches Werks unverwechselbar charakterisiert: Was Kluge lakonisch Geschichten nennt, sind autonome, oft sehr kurze Erzählungen, Dokumentationen, Beschreibungen, Gespräche ohne Inquitformeln, bei denen der Sprecherwechsel lediglich durch Gedankenstriche angezeigt wird. Kleine Einheiten, die – in der Literatur wie im Film – zu größeren Einheiten montiert werden und so Zusammenhang entstehen lassen. Kluges ewige Themen – Krieg, Krisen, persönliches Unglück, die Kälte der gesellschaftlichen Institutionen; aber auch Rettung in letzter Sekunde und glückliche Zufälle – finden sich natürlich auch in den Geschichten vom Kino, immer in ihrem Bezug zum Film. Seine knappen, sachlichen Geschichten zeigen, erzeugen und reflektieren große Gefühle ohne falsche Sentimentalitäten.

Anlässlich seiner Retrospektive in der Cinématèque Française 2013 bezeichnete Kluge sich selbst als „Patriot der Filmgeschichte“, die er ganz offenkundig liebt, die er seit 50 Jahren mitgestaltet und über die er sehr viel zu erzählen hat. Diese innige Verbundenheit mit dem Thema macht Geschichten vom Kino für mich zu Kluges schönstem Buch.


¹Zitiert nach: Schmidt, Eckhard: Alexander Kluges „Lebensläufe“, in: Süddeutsche Zeitung 11./12. Juni 1966, 87.

Kluge, Alexander: Geschichten vom Kino, Suhrkamp 2007

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