Harry Potter and the Cursed Child

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Harry Potter and the Cursed Child ist ein Theaterstück, dass am 30. Juli 2016, Harrys 36. Geburtstag, im Palace Theatre in London uraufgeführt wurde. Dieser Rezension liegt die englische Special Rehearsal Edition (E-Book von Pottermore) zugrunde, es ist also möglich, dass während der Probenarbeiten noch Änderungen daran vorgenommen wurden. Geschrieben wurde es von J. K. Rowling, John Tiffany und Jack Thorne, der das Stück auch inszeniert. Eine deutsche Übersetzung der Special rehersal Edition wird am 24. September unter dem Titel Harry Potter und das verwunschene Kind bei Carlsen erscheinen.

Harry Potter and the Cursed Child ist kein Roman. Es wird daher möglicherweise für diejenigen, die die ursprünglichen Harry-Potter-Bücher für sehr viel besser als die nach ihnen gedrehten Filme hielten, eine Enttäuschung sein. Das Stück liest sich wie Fanfiction – leider nicht wie besonders gute. Der Plot schließt gleich mehrere What-if-Storys ein, und ich hoffe nicht schon zu viel zu verraten, wenn ich schreibe, dass es ein bisschen zugeht wie in Zurück in die Zukunft II: Das Raum-Zeit-Kontinuum wird gestört!

Die siebenteilige Harry-Potter-Saga war in sich stimmig und abgeschlossen. Eine Fortsetzung 19 Jahre später war daher schwer vorstellbar, obwohl das Szenario ja am Ende des siebten Teils aufgerufen wurde: Harry und Ginny, Ron und Hermine und auch Draco Malfoy bringen ihre Kinder zum Hogwarts Express. Doch was könnte diese zweite Generation dort erleben, das der ursprünglichen Erzählung ebenbürtig wäre? Wäre Harry Potter nur ein Internatsroman von Enid Blyton – und Hogwarts trägt ja tatsächlich einige (wenige) Züge von Malory Towers –, dann wäre das kein Problem: Felicity kann die Geschichten um ihre Schwester Darrell fortsetzen, weil sie, wie auch alle ihre Freundinnen, keine richtigen, entwickelten Charaktere sind sondern Typen, die alltägliche, typische Internatsgeschichten erleben. Es könnte ewig so weiter gehen und es macht auch keinen großen Unterschied, ob Enid Blyton die Geschichten schreibt oder Pamela Cox. Das Gegenteil gilt für Harry Potter: seine Geschichte ist einmalig und abgeschlossen. Wäre er eine reale Person ginge sein Leben natürlich weiter, als fiktive Person tut es das nicht.

Die ursprüngliche Geschichte lastet übermächtig auf dem neuen Stück. Dass die Lebensgeschichte Harrys ebenso erdrückend auf der Seele seines Sohnes lasten könnte, wäre eine mögliche Grundlage für eine erzählenswerte Geschichte, wenn auch vielleicht nicht von dem epischen Ausmaß der ersten sieben Teile. Doch dazu bedürfte es einer genauen Zeichnung und Entwicklung der Charaktere, und genau die leistet das Stück nicht. Es bringt auch nichts wesentlich Neues in den Harry-Potter-Kosmos ein, was den Eindruck von Fanfiction besonders stützt. Das Stück krankt vor allem daran, dass sich einfach keine Spannung entwickelt. Das liegt zum einen an der What-if-ishness der Handlung, zum anderen an der Oberflächlichkeit der Charaktere, die nur noch eine Karikatur ihres früheren Selbst sind. Beides ist so viel weniger welthaltig, so viel weniger real, so viel weniger motiviert als die ursprüngliche Geschichte. Es wirkt einfach nicht wahrhaftig und daher fiebert man auch nicht mit. Schon in den Filmen waren sowohl die Charaktere als auch die Story stark abgeflacht, das Stück scheint eher eine Fortschreibung dieser Tradition zu sein.

Obwohl ich mich nicht als Harry-Potter-Fan bezeichnen würde – dass ich alle Teile mehrfach gelesen habe, liegt tatsächlich allein daran, dass ich sie meinen Kindern mehrfach vorgelesen habe – aber ich kann die Sehnsucht der Fans nach weiteren spannenden Geschichten aus Hogwarts nachvollziehen. Doch manche Wünsche sollten besser unerfüllt bleiben.

Wer gerne nochmal einen neuen Harry-Potter-Roman lesen möchte, kann zwar einen Nachmittag auf die Druckversion des Theatertexts verwenden, sollte aber vielleicht keine großen Erwartungen haben. Das Gefühl wird sich nicht einstellen.

Wer ohnehin nie die Bücher gelesen hat, sondern nur die Filme kennt und unerklärlicherweise trotzdem Fan geworden ist, sollte auch hier besser auf den Film warten. Der wird, wie man munkelt, 2017 in die Kinos kommen.

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